Körperliche Erkrankungen und seelische Belastung
Wenn eine Erkrankung auch das innere Erleben verändert
Körperliches und seelisches Erleben beeinflussen sich wechselseitig. Eine körperliche Erkrankung kann Gefühle, Beziehungen, Selbstbild, Alltag und Lebensplanung erheblich verändern. Ängste, depressive Beschwerden, anhaltender Stress oder sozialer Rückzug können es zusätzlich erschweren, mit der Erkrankung und den notwendigen Behandlungen umzugehen.
Das bedeutet nicht, dass eine körperliche Krankheit „nur psychisch“ wäre. Die Erkrankung ist körperlich vorhanden und benötigt eine angemessene medizinische Behandlung. Gleichzeitig kann es hilfreich sein, auch ihre seelischen und zwischenmenschlichen Auswirkungen zu berücksichtigen.
Eine schwere, chronische, lebensbedrohliche oder körperlich sichtbar verändernde Erkrankung kann beispielsweise verbunden sein mit:
- Angst vor einer Verschlechterung, vor Schmerzen oder medizinischen Untersuchungen,
- Hilflosigkeit und dem Verlust bisheriger Sicherheit,
- Trauer über körperliche Einschränkungen und verlorene Möglichkeiten,
- Scham oder einem veränderten Körperbild,
- Sorgen um Arbeit, Partnerschaft und Familie,
- dem Gefühl, von anderen nicht ausreichend verstanden zu werden,
- Schwierigkeiten, Hilfe anzunehmen oder von anderen abhängig zu sein,
- Ärger auf den eigenen Körper oder auf das medizinische Versorgungssystem,
- und der Frage, welchen Platz die Erkrankung im eigenen Leben einnehmen soll.
Auch die notwendigen Behandlungen können belastend sein. Manche Menschen müssen ihren Alltag dauerhaft auf Medikamente, Untersuchungen, Ernährungsvorgaben oder körperliche Einschränkungen abstimmen. Andere erleben sich zunehmend über ihre Erkrankung definiert und verlieren den Zugang zu Lebensbereichen, Beziehungen und Fähigkeiten, die ihnen zuvor Halt und Selbstwert vermittelt haben.
Die persönliche Bedeutung der Erkrankung verstehen
Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf vergleichbare körperliche Belastungen. Dabei spielen die Art und Schwere der Erkrankung, ihr bisheriger Verlauf und die verfügbaren medizinischen Möglichkeiten eine wichtige Rolle. Ebenso können die persönliche Lebensgeschichte, frühere Erfahrungen mit Abhängigkeit und Hilflosigkeit sowie die gegenwärtig verfügbare Unterstützung beeinflussen, wie die Erkrankung erlebt und bewältigt wird.
Eine Erkrankung kann auch bisherige Vorstellungen von der eigenen Person infrage stellen. Ein Mensch, der sich bislang als unabhängig, leistungsfähig oder für andere verantwortlich erlebt hat, muss möglicherweise plötzlich Unterstützung annehmen und eigene Grenzen anerkennen. Zukunftspläne verändern sich, vertraute Rollen gehen verloren und das Verhältnis zum eigenen Körper kann von Unsicherheit oder Misstrauen geprägt werden.
In der psychotherapeutischen Arbeit können unter anderem folgende Fragen bedeutsam werden:
- Wie hat die Erkrankung mein Bild von mir selbst und meinem Körper verändert?
- Wie gehe ich mit Ungewissheit und Kontrollverlust um?
- Kann ich Unterstützung annehmen, ohne mich nur noch abhängig oder hilflos zu fühlen?
- Darf ich anderen meine Angst, Erschöpfung, Trauer oder Wut zumuten?
- Wie spreche ich mit Angehörigen über meine Bedürfnisse und Grenzen?
- Wie haben sich meine Beziehungen durch die Erkrankung verändert?
- Welche Teile meines Lebens sind in den Hintergrund geraten?
- Was gibt mir weiterhin Halt, Sinn und das Gefühl eigener Wirksamkeit?
- Wie kann ich trotz bestehender Einschränkungen wieder mehr am Leben teilhaben?
Dabei geht es nicht darum, eine positive Haltung einzufordern oder einen Menschen dazu zu bringen, seine Erkrankung möglichst schnell „anzunehmen“. Auch Trauer, Wut, Angst, Hoffnungslosigkeit und der Wunsch, dass alles wieder so sein möge wie zuvor, können verständliche Reaktionen sein.
Psychotherapie kann einen Raum bieten, in dem diese widersprüchlichen Erfahrungen wahrgenommen und gemeinsam verstanden werden. Ziel ist nicht, die körperliche Erkrankung psychisch zu erklären, sondern einen tragfähigeren Umgang mit ihren seelischen, sozialen und zwischenmenschlichen Folgen zu entwickeln.
Wie kann Gruppenpsychotherapie helfen?
Eine körperliche Erkrankung kann einsam machen. Häufig erleben Betroffene, dass ihr Umfeld die Belastung unterschätzt, mit vorschnellen Ratschlägen reagiert oder sich aus eigener Hilflosigkeit zurückzieht.
In einer psychotherapeutischen Gruppe kann es entlastend sein, mit Angst, Scham, Erschöpfung, Trauer und Abhängigkeit nicht allein zu bleiben. Dabei müssen die anderen Gruppenmitglieder nicht an derselben körperlichen Erkrankung leiden. Oft bestehen dennoch gemeinsame Erfahrungen: das Gefühl, nicht zu genügen, andere zu belasten, Kontrolle zu verlieren oder Unterstützung nur schwer annehmen zu können.
Die Gruppe kann dabei helfen,
- die seelischen und zwischenmenschlichen Auswirkungen der Erkrankung in Worte zu fassen,
- eigene Bedürfnisse und Grenzen deutlicher wahrzunehmen und auszudrücken,
- Unterstützung anzunehmen, ohne sich ausschließlich schwach oder abhängig zu erleben,
- mit unterschiedlichen Reaktionen anderer Menschen umzugehen,
- Gefühle von Scham, Ärger, Trauer und Hilflosigkeit zu teilen,
- sich nicht ausschließlich über die Erkrankung zu definieren,
- und neue Möglichkeiten von Verbundenheit, Selbstwirksamkeit und Lebensgestaltung zu entwickeln.
Auch in der Gruppe können vertraute Beziehungsmuster sichtbar werden. Vielleicht versucht ein Mensch, seine Belastung möglichst vollständig zu verbergen, um niemandem zur Last zu fallen. Ein anderer wünscht sich dringend Unterstützung und ist zugleich enttäuscht, wenn sie nicht genau in der erhofften Form erfolgt. Wieder andere haben Schwierigkeiten, Grenzen anzuerkennen oder Hilfe anzunehmen, weil dies dem bisherigen Selbstbild widerspricht.
Solche Erfahrungen sollen nicht bewertet oder vorschnell gedeutet werden. Sie können gemeinsam betrachtet werden und dabei helfen, besser zu verstehen, wie die Erkrankung Beziehungen verändert und wie Beziehungen im Umgang mit der Erkrankung wieder zu einer tragenden Ressource werden können.
In der Gruppe kann außerdem erfahrbar werden, dass ein Mensch mehr ist als seine Erkrankung. Andere nehmen nicht nur seine Einschränkungen wahr, sondern auch seine Gedanken, Gefühle, Fähigkeiten und seine Bedeutung für die Gemeinschaft.
Medizinische Behandlung und psychotherapeutische Begleitung
Psychotherapie ersetzt keine erforderliche medizinische Diagnostik oder Behandlung. Sie kann eine ärztliche, rehabilitative oder andere fachliche Versorgung ergänzen und dabei unterstützen, die seelischen Folgen der Erkrankung zu verarbeiten, notwendige Behandlungen in das eigene Leben zu integrieren und die verbleibenden persönlichen Handlungsmöglichkeiten zu nutzen.
Ob meine tiefenpsychologisch fundierte Gruppenpsychotherapie für Ihre persönliche Erkrankungssituation geeignet ist und sich sinnvoll in Ihre medizinische Behandlung einfügen lässt, klären wir gemeinsam in den vorbereitenden Gesprächen.
Hilfe in akuten psychischen Krisen
Psychische Beschwerden können sich so verstärken, dass rasche und unmittelbare Unterstützung erforderlich ist.
Wenn Sie befürchten, sich selbst oder andere unmittelbar zu gefährden, wählen Sie bitte den Notruf 112. Sie können sich auch direkt an eine psychiatrische Notaufnahme wenden.
In einer akuten seelischen Krise erreichen Sie die Krisendienste Bayern kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 655 3000. Dort erhalten Betroffene, Angehörige und mitbetroffene Personen Beratung und Unterstützung; bei Bedarf kann auch weiterführende ambulante, mobile oder stationäre Hilfe vermittelt werden.
Vertrauliche, anonyme und kostenlose Unterstützung bietet Tag und Nacht auch die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111.
In einer akuten Gefährdungssituation ist unmittelbare Hilfe erforderlich. Eine Nachricht oder die reguläre Kontaktaufnahme mit meiner Praxis ist hierfür nicht ausreichend.
