Funktionelle Körperbeschwerden und somatoforme Störungen

Wenn Beschwerden anhalten und medizinische Befunde sie nicht vollständig erklären

Manche Menschen leiden über längere Zeit unter körperlichen Beschwerden, ohne dass medizinische Untersuchungen eine ausreichende organische Erklärung ergeben. Andere haben eine feststellbare körperliche Erkrankung, deren Befund jedoch die Stärke oder den Verlauf der Beschwerden nicht vollständig erklärt.

Mögliche Beschwerden sind beispielsweise:

  • Schwindel oder Benommenheit,
  • Herzklopfen, Druck- oder Engegefühle,
  • Atem- oder Schluckbeschwerden,
  • Übelkeit und Verdauungsprobleme,
  • Erschöpfung und Schwächegefühle,
  • Muskel- und Gelenkbeschwerden,
  • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder andere Missempfindungen,
  • sowie wechselnde Schmerzen.

 

Solche Beschwerden sind nicht eingebildet. Sie werden körperlich tatsächlich erlebt und können den Alltag, die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Auch eine fehlende eindeutige organische Erklärung bedeutet nicht, dass „nichts“ vorhanden ist.

Im medizinischen Sprachgebrauch finden sich unterschiedliche Bezeichnungen. Häufig wird von funktionellen Körperbeschwerden gesprochen; in der gegenwärtig verwendeten ICD-10-GM werden entsprechende Krankheitsbilder weiterhin unter dem Begriff der somatoformen Störungen geführt.

Körperliche, seelische und soziale Faktoren zusammendenken

Körperliche Beschwerden entstehen und verändern sich häufig durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Prozesse. Das Nervensystem, die Wahrnehmung körperlicher Signale, frühere Erkrankungserfahrungen, Schlaf, Stress, Ängste, Aufmerksamkeit und zwischenmenschliche Belastungen können sich wechselseitig beeinflussen.

Dabei können sich auch Kreisläufe entwickeln: Beschwerden führen zu Angst, erhöhter Aufmerksamkeit und Schonung; diese Reaktionen können wiederum das körperliche Erleben und die Einschränkungen verstärken.

Es wäre deshalb zu einfach, entweder ausschließlich nach einer körperlichen oder ausschließlich nach einer psychischen Ursache zu suchen. Ein biopsychosoziales Verständnis nimmt die Beschwerden ernst und betrachtet gleichzeitig die verschiedenen Einflüsse, die zu ihrer Entstehung, Verstärkung oder Aufrechterhaltung beitragen können.

Menschen mit langanhaltenden Beschwerden haben häufig zahlreiche medizinische Untersuchungen hinter sich. Wiederholt keine eindeutige Erklärung zu erhalten, kann verunsichern und das Vertrauen in den eigenen Körper und in Behandelnde beeinträchtigen. Manche Betroffene erleben die Empfehlung einer Psychotherapie zunächst als Botschaft, ihre Beschwerden würden nicht ernst genommen.

Eine psychotherapeutische Behandlung sollte dem ausdrücklich entgegenwirken. Sie setzt nicht voraus, dass ein Mensch seine Beschwerden als „rein psychisch“ versteht. Ausgangspunkt ist vielmehr die gemeinsame Anerkennung:

Die Beschwerden sind wirklich vorhanden. Gleichzeitig können körperliche, seelische und soziale Prozesse gemeinsam betrachtet werden.

Die persönliche Bedeutung der Beschwerden verstehen

Anhaltende körperliche Beschwerden können die Aufmerksamkeit zunehmend binden. Aktivitäten werden eingeschränkt, medizinische Sicherheit wird immer dringlicher gesucht und das Vertrauen in den eigenen Körper kann abnehmen. Auch Beziehungen verändern sich möglicherweise, wenn Betroffene sich unverstanden, allein gelassen oder unter Druck gesetzt fühlen.

In der therapeutischen Arbeit können unter anderem folgende Fragen bedeutsam werden:

  • Wann werden die Beschwerden stärker oder schwächer?
  • Welche Belastungen, Gefühle oder Beziehungssituationen gehen ihnen voraus?
  • Wie nehme ich körperliche Signale wahr und wie deute ich sie?
  • Was geschieht mit mir, wenn medizinische Gewissheit nicht vollständig erreichbar ist?
  • Wie gehe ich mit Angst, Hilflosigkeit und Kontrollverlust um?
  • Kann ich Erschöpfung, Grenzen und Unterstützungsbedarf rechtzeitig wahrnehmen?
  • Wie reagieren andere auf meine Beschwerden und wie erlebe ich diese Reaktionen?
  • Gibt es Gefühle oder Bedürfnisse, die körperlich deutlich spürbar sind, sich aber nur schwer in Worte fassen lassen?

 

Dabei geht es nicht darum, für jedes Symptom eine verborgene psychische oder symbolische Bedeutung zu finden. Ebenso wenig dürfen neu auftretende, ungewöhnlich starke oder deutlich veränderte Beschwerden vorschnell psychisch erklärt werden. Eine angemessene ärztliche Abklärung und Behandlung bleiben wichtig.

Ziel der Psychotherapie ist nicht, die Beschwerden wegzudeuten. Gemeinsam kann vielmehr untersucht werden, wie ihr Einfluss auf das gesamte Leben verringert und wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper, Handlungsfähigkeit und Lebensqualität möglich werden können.

Wie kann Gruppenpsychotherapie helfen?

Menschen mit funktionellen Körperbeschwerden erleben häufig Unverständnis, Scham und Einsamkeit. Sie können den Eindruck gewinnen, sich ständig rechtfertigen oder beweisen zu müssen. Zugleich kann es schwerfallen, über andere Seiten des eigenen Erlebens zu sprechen, wenn Beschwerden und die Suche nach ihrer Erklärung immer mehr Raum einnehmen.

Eine therapeutische Gruppe kann einen Raum schaffen, in dem die Beschwerden ernst genommen werden, ohne dass das gemeinsame Denken ausschließlich um die Suche nach einer einzigen körperlichen oder psychischen Ursache kreisen muss.

Die Gruppe kann dabei helfen,

  • körperliche und emotionale Zustände differenzierter wahrzunehmen,
  • Worte für Belastung, Angst, Ärger und Hilflosigkeit zu finden,
  • sich mit Beschwerden zu zeigen, ohne sich rechtfertigen zu müssen,
  • Zusammenhänge zwischen Stress, Beziehungen und körperlichem Erleben zu beobachten,
  • Unterstützung zu suchen und anzunehmen,
  • eigene Grenzen früher wahrzunehmen und auszudrücken,
  • und neben den Beschwerden wieder andere Seiten der eigenen Person zu erleben.

 

Auch im Gruppenprozess können bedeutsame Erfahrungen sichtbar werden: beispielsweise das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, die Angst, anderen zur Last zu fallen, ein starkes Bedürfnis nach Gewissheit oder die Erwartung, erneut abgewiesen zu werden.

Solche Erfahrungen sollen nicht als Beweis für eine „psychische Ursache“ der Beschwerden verstanden werden. Sie können in einem ausreichend sicheren Rahmen gemeinsam betrachtet werden und dabei helfen, die Beziehung zum eigenen Körper, zu den Beschwerden und zu anderen Menschen besser zu verstehen.

In der Gruppe kann zudem erfahrbar werden, dass ein Mensch mehr ist als seine körperlichen Beschwerden. Andere nehmen auch seine Gedanken, Gefühle, Fähigkeiten und seine Bedeutung für die Gemeinschaft wahr.

Psychotherapie ersetzt keine notwendige medizinische Abklärung oder Behandlung.

Ob meine tiefenpsychologisch fundierte Gruppenpsychotherapie für Ihre persönliche Situation geeignet ist und wie sie mit der ärztlichen Versorgung verbunden werden kann, klären wir gemeinsam in den vorbereitenden Gesprächen.

Hilfe in akuten psychischen Krisen

Psychische Beschwerden können sich so verstärken, dass rasche und unmittelbare Unterstützung erforderlich ist.

Wenn Sie befürchten, sich selbst oder andere unmittelbar zu gefährden, wählen Sie bitte den Notruf 112. Sie können sich auch direkt an eine psychiatrische Notaufnahme wenden.

In einer akuten seelischen Krise erreichen Sie die Krisendienste Bayern kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 655 3000. Dort erhalten Betroffene, Angehörige und mitbetroffene Personen Beratung und Unterstützung; bei Bedarf kann auch weiterführende ambulante, mobile oder stationäre Hilfe vermittelt werden.

Vertrauliche, anonyme und kostenlose Unterstützung bietet Tag und Nacht auch die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111.

In einer akuten Gefährdungssituation ist unmittelbare Hilfe erforderlich. Eine Nachricht oder die reguläre Kontaktaufnahme mit meiner Praxis ist hierfür nicht ausreichend.