Beziehungs-, Selbstwert- und persönlichkeitsbezogene Schwierigkeiten
Wenn sich ähnliche Erfahrungen immer wiederholen
Viele Menschen erleben Schwierigkeiten nicht nur in einer einzelnen Lebenssituation. Sie bemerken vielmehr, dass sich bestimmte Gefühle, Konflikte und Enttäuschungen in unterschiedlichen Beziehungen immer wiederholen.
Vielleicht entsteht häufig das Gefühl, von anderen nicht ausreichend gesehen, verstanden oder wertgeschätzt zu werden. Nähe wird sehr gewünscht, kann aber zugleich Angst auslösen. Konflikte führen rasch zu Rückzug, starker Anpassung, heftiger Wut oder der Befürchtung, verlassen zu werden. Manche Menschen erleben sich selbst als minderwertig oder sind stark darauf angewiesen, von anderen bestätigt zu werden.
Mögliche Hinweise auf solche Schwierigkeiten sind beispielsweise:
- ein stark schwankender oder von Anerkennung und Leistung abhängiger Selbstwert,
- ausgeprägte Selbstzweifel und starke Selbstkritik,
- große Angst vor Ablehnung, Kritik oder Verlassenwerden,
- Schwierigkeiten, anderen Menschen zu vertrauen,
- ein wiederkehrender Wechsel zwischen großer Nähe und starkem Rückzug,
- das Gefühl, sich in Beziehungen zu verlieren oder übermäßig anpassen zu müssen,
- Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen oder auszusprechen,
- starke Kränkbarkeit, Scham, Wut oder ein Gefühl innerer Leere,
- Schwierigkeiten, intensive Gefühle zu regulieren,
- häufig konflikthafte oder abbrechende Beziehungen,
- oder die Erfahrung, immer wieder in dieselbe Rolle zu geraten.
Nicht jeder Mensch, der einzelne dieser Erfahrungen kennt, leidet an einer psychischen Erkrankung. Viele dieser Reaktionen gehören in bestimmten Situationen zum menschlichen Erleben.
Wenn solche Muster jedoch über längere Zeit bestehen, in unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten und zu erheblichem Leiden oder wiederkehrenden Schwierigkeiten in Beziehungen, Beruf und Alltag führen, können persönlichkeitsbezogene Schwierigkeiten vorliegen.
Was bedeutet „Persönlichkeitsstörung“?
Der Begriff „Persönlichkeitsstörung“ kann zunächst hart oder abwertend klingen. Er bedeutet jedoch nicht, dass die Persönlichkeit eines Menschen grundsätzlich gestört, falsch oder unveränderbar wäre.
Gemeint sind tief verankerte Muster des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns, die sich über lange Zeit entwickelt haben. Sie beeinflussen, wie ein Mensch sich selbst erlebt, was er von anderen erwartet, wie er Beziehungen gestaltet und wie er mit Belastungen, Konflikten und intensiven Gefühlen umgeht.
Diese Muster sind meist nicht bewusst gewählt. Sie können als früh entwickelte Formen des Schutzes und der Anpassung verstanden werden. Was früher geholfen hat, Beziehungen zu erhalten, Zurückweisung zu vermeiden, Kontrolle zu bewahren oder schmerzhafte Gefühle nicht wahrnehmen zu müssen, kann später die persönliche Entwicklung und befriedigende Beziehungen erschweren.
Die diagnostische Bezeichnung beschreibt niemals den ganzen Menschen. Persönlichkeitsbezogene Schwierigkeiten können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und mit vielfältigen Fähigkeiten, Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten einhergehen.
Wie solche Muster entstehen können
Unsere Persönlichkeit entwickelt sich in einem Zusammenspiel von individuellen Voraussetzungen, Lebenserfahrungen und Beziehungen. Von Beginn an lernen wir, welche Gefühle und Bedürfnisse in Beziehungen willkommen sind, wie andere auf uns reagieren und was wir tun müssen, um Nähe, Schutz oder Anerkennung zu erhalten.
Ein Mensch kann beispielsweise gelernt haben,
- sich stark anzupassen, um Beziehungen nicht zu gefährden,
- möglichst unabhängig zu bleiben, um nicht enttäuscht oder verletzt zu werden,
- Leistung und Anerkennung zu benötigen, um sich wertvoll zu fühlen,
- eigene Bedürfnisse zurückzustellen, um für andere da sein zu können,
- Beziehungen zu kontrollieren, weil Unsicherheit schwer auszuhalten ist,
- Gefühle zurückzuhalten, weil sie früher nicht ausreichend aufgenommen wurden,
- oder andere frühzeitig zurückzuweisen, um einer möglichen eigenen Kränkung zuvorzukommen.
Solche Formen der Bewältigung waren möglicherweise einmal notwendig. Sie können jedoch so selbstverständlich werden, dass andere Möglichkeiten kaum noch vorstellbar erscheinen.
In der therapeutischen Arbeit versuchen wir deshalb gemeinsam zu verstehen:
- Wie erlebe ich mich selbst in Beziehungen?
- Was erwarte oder befürchte ich von anderen Menschen?
- Welche Situationen lösen besonders starke Gefühle in mir aus?
- Wie reagiere ich auf Nähe, Distanz, Kritik und Enttäuschung?
- Kann ich Unterstützung annehmen sowie eigene Wünsche und Grenzen ausdrücken?
- Welche Bedeutung haben Anerkennung, Leistung und Kontrolle für meinen Selbstwert?
- Welche Formen des Schutzes helfen mir kurzfristig, führen langfristig jedoch immer wieder zu Konflikten oder Einsamkeit?
Dabei geht es nicht darum, den Eltern oder anderen Menschen pauschal die Verantwortung für gegenwärtige Schwierigkeiten zuzuschreiben. Vielmehr soll verständlicher werden, wie sich die heutige Art, sich selbst und andere zu erleben, entwickelt hat und welche neuen Möglichkeiten entstehen können.
Selbstwert und Beziehung
Unser Selbstwert entsteht nicht unabhängig von anderen Menschen. Wir entwickeln ein Gefühl für den eigenen Wert auch dadurch, wie wir gesehen, gespiegelt, anerkannt und in unserer Eigenständigkeit unterstützt wurden.
Wenn der eigene Selbstwert wenig stabil ist, kann er stark von äußeren Reaktionen abhängig werden. Anerkennung vermittelt dann vorübergehend Sicherheit, während Kritik, Zurückhaltung oder fehlende Aufmerksamkeit rasch als Zeichen persönlicher Wertlosigkeit erlebt werden.
Manche Menschen ziehen sich aus Angst vor Bewertung zurück. Andere versuchen, besonders leistungsfähig, hilfreich oder unangreifbar zu erscheinen. Wieder andere reagieren auf Kränkungen mit Wut, Abwertung oder dem Abbruch einer Beziehung.
Hinter diesen unterschiedlichen Formen des Umgangs kann ein ähnliches Bedürfnis stehen: als wertvoll, liebenswert und in der eigenen Person anerkannt zu werden.
In der Therapie kann es darum gehen, den eigenen Wert zunehmend weniger von Leistung, Anpassung, Kontrolle oder der ständigen Bestätigung durch andere abhängig zu machen.
Wie kann Gruppenpsychotherapie helfen?
Gerade bei wiederkehrenden Beziehungs- und Selbstwertproblemen bietet eine psychotherapeutische Gruppe besondere Möglichkeiten. Beziehungsmuster werden dort nicht nur rückblickend berichtet. Sie können sich im gegenwärtigen Kontakt mit mehreren unterschiedlichen Menschen unmittelbar zeigen.
Dabei können beispielsweise folgende Fragen bedeutsam werden:
- Wie erlebe ich es, wenn andere Aufmerksamkeit erhalten?
- Kann ich anderen Raum geben, ohne mich selbst bedeutungslos zu fühlen?
- Kann ich mich zeigen, obwohl ich nicht sicher weiß, wie andere reagieren werden?
- Wie gehe ich mit Zustimmung, Unterschieden und Kritik um?
- Kann ich Interesse, Unterstützung und Wertschätzung annehmen?
- Wie reagiere ich, wenn ich mich missverstanden, übersehen oder ausgeschlossen fühle?
- Kann ich einen Konflikt ansprechen und gemeinsam klären?
- Welche Rolle nehme ich immer wieder in einer Gemeinschaft ein?
- Welche Wirkung habe ich möglicherweise auf andere Menschen?
Die Rückmeldungen verschiedener Gruppenmitglieder können helfen, das eigene Selbstbild zu überprüfen. Ein Mensch, der sich selbst als uninteressant, schwach oder nicht liebenswert erlebt, kann erfahren, dass andere ihn deutlich vielfältiger wahrnehmen.
Gleichzeitig kann sichtbar werden, dass das eigene Verhalten auf andere anders wirkt als beabsichtigt. Vielleicht fühlen sich andere zurückgewiesen, unter Druck gesetzt oder unsicher, obwohl eigentlich Nähe, Anerkennung oder Sicherheit gesucht werden. Solche Rückmeldungen sollen nicht beschämen oder verurteilen. Sie können helfen, die eigene Beziehungsgestaltung und ihre Wirkung besser zu verstehen.
In einem ausreichend sicheren und verlässlichen Rahmen kann gemeinsam untersucht werden:
- Was ist gerade zwischen uns geschehen?
- Was habe ich erwartet oder befürchtet?
- Wie habe ich das Verhalten des anderen verstanden?
- Welche Gefühle wurden ausgelöst?
- Welche anderen Bedeutungen wären ebenfalls denkbar?
- Wie kann eine Irritation geklärt werden, ohne dass die Beziehung abgebrochen werden muss?
So können allmählich neue Erfahrungen in Beziehungen entstehen:
- sich zu zeigen, ohne abgelehnt zu werden,
- Bedürfnisse zu äußern, ohne die Beziehung zu verlieren,
- Grenzen zu setzen und die Grenzen anderer zu respektieren,
- Unterstützung anzunehmen, ohne sich schwach oder abhängig zu fühlen,
- Kritik zu hören, ohne den eigenen Wert vollständig infrage zu stellen,
- Unterschiede auszuhalten,
- Verantwortung für den eigenen Anteil an einem Konflikt zu übernehmen,
- und Beziehungen auch nach Enttäuschungen oder Missverständnissen fortzusetzen.
Dabei geht es nicht darum, dass eine Gruppe immer harmonisch sein muss. Konflikte, Konkurrenz, Rückzug, Ärger und Kränkungen können Teil der therapeutischen Arbeit werden. Entscheidend ist, ob es gelingt, diese Erfahrungen gemeinsam zu betrachten und nach emotional belastenden Momenten wieder in einen Denk- und Verstehensprozess zurückzufinden.
Eine sorgfältige Passungsprüfung
Eine Gruppe kann bei Beziehungs-, Selbstwert- und persönlichkeitsbezogenen Schwierigkeiten besonders hilfreich sein. Sie kann jedoch auch intensive Gefühle und vertraute Beziehungskonflikte aktivieren.
Deshalb entscheidet nicht allein eine Diagnose darüber, ob eine Gruppenpsychotherapie geeignet ist. Wichtig ist, ob ein Mensch den Gruppenraum in seiner gegenwärtigen Situation ausreichend nutzen kann.
Dazu gehören eine hinreichende psychische Stabilität und die grundsätzliche Bereitschaft,
- sich verbindlich auf den therapeutischen Rahmen einzulassen,
- regelmäßig an der Gruppe teilzunehmen,
- andere Menschen als eigenständige Personen wahrzunehmen,
- neben dem eigenen Erleben auch die Perspektiven anderer zu berücksichtigen,
- Unterschiede und Grenzen zunehmend auszuhalten,
- den eigenen Anteil an Beziehungssituationen zu untersuchen,
- und nach emotional belastenden Momenten wieder zu einem gemeinsamen Nachdenken zurückfinden zu können.
Diese Fähigkeiten müssen zu Beginn nicht vollkommen entwickelt sein. Sie können selbst Gegenstand der therapeutischen Arbeit werden. Die Gruppe benötigt jedoch eine ausreichende gemeinsame Grundlage, damit sie für den einzelnen Patienten und für die anderen Mitglieder ein hilfreicher und sicherer Behandlungsraum bleiben kann.
Wenn eine sehr instabile psychische Situation, häufige akute Krisen oder ein hoher Bedarf an individueller Unterstützung im Vordergrund stehen, kann zunächst ein anderer oder intensiverer Behandlungsrahmen geeigneter sein.
Ob meine Form der tiefenpsychologisch fundierten Gruppenpsychotherapie zu Ihren gegenwärtigen Schwierigkeiten passt und welche meiner Gruppen geeignet sein könnte, klären wir deshalb sorgfältig in den vorbereitenden Gesprächen.
Hilfe in akuten psychischen Krisen
Psychische Beschwerden können sich so verstärken, dass rasche und unmittelbare Unterstützung erforderlich ist.
Wenn Sie befürchten, sich selbst oder andere unmittelbar zu gefährden, wählen Sie bitte den Notruf 112. Sie können sich auch direkt an eine psychiatrische Notaufnahme wenden.
In einer akuten seelischen Krise erreichen Sie die Krisendienste Bayern kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 655 3000. Dort erhalten Betroffene, Angehörige und mitbetroffene Personen Beratung und Unterstützung; bei Bedarf kann auch weiterführende ambulante, mobile oder stationäre Hilfe vermittelt werden.
Vertrauliche, anonyme und kostenlose Unterstützung bietet Tag und Nacht auch die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111.
In einer akuten Gefährdungssituation ist unmittelbare Hilfe erforderlich. Eine Nachricht oder die reguläre Kontaktaufnahme mit meiner Praxis ist hierfür nicht ausreichend.
