Chronische Schmerzen
Wenn Schmerz zu einem dauerhaften Begleiter wird
Akute Schmerzen sind ein wichtiges Warn- und Schutzsignal des Körpers. Sie weisen häufig auf eine Verletzung, Entzündung oder andere körperliche Belastung hin und klingen wieder ab, wenn deren Ursache behandelt oder ausgeheilt ist.
Von chronischen Schmerzen wird in der Regel gesprochen, wenn Schmerzen länger als drei Monate anhalten oder wiederkehrend auftreten. Sie können mit einer fortbestehenden körperlichen Erkrankung zusammenhängen. Schmerzen können jedoch auch weiterbestehen, nachdem die ursprüngliche Verletzung oder Erkrankung abgeheilt ist, und sich zu einem eigenständigen Krankheitsgeschehen entwickeln.
Schmerzen sind eine persönliche körperliche und emotionale Erfahrung und müssen ernst genommen werden – auch dann, wenn ein aktueller körperlicher Befund ihre Stärke nicht vollständig erklärt. Das bedeutet nicht, dass die Schmerzen eingebildet oder „nur psychisch“ wären.
Bei länger anhaltenden Schmerzen kann sich die Verarbeitung von Schmerzreizen verändern. Das Nervensystem kann empfindlicher reagieren, sodass bereits geringe Reize als schmerzhaft erlebt werden oder Schmerzen stärker und länger anhalten, als es aufgrund einer aktuellen Gewebeschädigung zu erwarten wäre. Unterschiedliche Schmerzmechanismen können dabei auch gleichzeitig auftreten.
Das biopsychosoziale Verständnis von Schmerz
Chronische Schmerzen werden durch ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren beeinflusst. Dazu gehören beispielsweise:
- körperliche Erkrankungen und Veränderungen des Nervensystems,
- Bewegung und körperliche Belastung,
- Schlaf und Erschöpfung,
- Angst vor weiteren Schmerzen oder Verletzungen,
- depressive Beschwerden,
- Stress und anhaltende innere Anspannung,
- die Aufmerksamkeit für körperliche Signale,
- soziale Isolation,
- berufliche und familiäre Belastungen,
- sowie Erfahrungen von Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Kontrollverlust.
Damit ist nicht gemeint, dass der Schmerz psychisch verursacht sein muss. Vielmehr beeinflussen sich körperliche, seelische und soziale Prozesse wechselseitig. Eine sorgfältige Behandlung chronischer Schmerzen berücksichtigt deshalb möglichst mehrere dieser Ebenen.
Die persönliche Bedeutung des Schmerzes verstehen
Anhaltende Schmerzen können nahezu jeden Lebensbereich verändern. Aktivitäten werden eingeschränkt, soziale Kontakte nehmen ab und berufliche oder familiäre Rollen können nicht mehr wie gewohnt ausgefüllt werden.
Neben dem Schmerz selbst können weitere Belastungen entstehen:
- Angst vor einer Verschlechterung,
- Trauer über verlorene Fähigkeiten und Möglichkeiten,
- Ärger, Hilflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit,
- Schuldgefühle gegenüber Angehörigen,
- das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden,
- eine zunehmende Abhängigkeit von Unterstützung,
- und die Frage, wer man jenseits des Schmerzes noch ist.
In der psychotherapeutischen Arbeit können unter anderem folgende Fragen wichtig werden:
- Wie hat der Schmerz mein Verhältnis zu meinem Körper verändert?
- Was befürchte ich bei Bewegung und Belastung?
- Welche Aktivitäten und Beziehungen sind immer weiter in den Hintergrund getreten?
- Wie spreche ich über Schmerzen und meinen Unterstützungsbedarf?
- Kann ich eigene Grenzen wahrnehmen und ausdrücken, bevor ich mich überfordere?
- Wie reagieren andere auf meine Beschwerden und wie erlebe ich diese Reaktionen?
- Wie gehe ich mit Abhängigkeit, Enttäuschung und Kontrollverlust um?
- Welche Bereiche meines Lebens sollen trotz der Schmerzen wieder mehr Raum erhalten?
Ziel ist nicht, den Schmerz wegzudeuten. Gemeinsam wird vielmehr untersucht, wie sein Einfluss auf das gesamte Leben verringert werden kann und wie wieder mehr Handlungsfähigkeit, Beziehung und Lebensqualität möglich werden können.
Wie kann Gruppenpsychotherapie bei chronischen Schmerzen helfen?
Chronische Schmerzen führen häufig zu Rückzug. Betroffene können sich von Menschen, die keine vergleichbaren Beschwerden kennen, unverstanden oder unter Druck gesetzt fühlen. Mitunter entsteht auch das Gefühl, sich ständig erklären oder die Berechtigung der eigenen Beschwerden beweisen zu müssen.
Eine psychotherapeutische Gruppe kann ermöglichen,
- mit der Belastung nicht allein zu bleiben,
- Erfahrungen von Unverständnis, Scham und Hilflosigkeit zu teilen,
- Unterstützung zu suchen und anzunehmen,
- eigene Grenzen und Bedürfnisse deutlicher auszudrücken,
- den Umgang mit Schonung, Aktivität und Vermeidung differenzierter wahrzunehmen,
- den Blick wieder auf Fähigkeiten, Beziehungen und Lebensbereiche jenseits des Schmerzes zu richten,
- und neue Formen von Selbstfürsorge, Aktivität und Beziehung zu entwickeln.
Auch wiederkehrende Beziehungsmuster können bedeutsam werden: etwa der Anspruch, trotz der Schmerzen keine Schwäche zeigen zu dürfen, die Angst, anderen zur Last zu fallen, oder das Gefühl, sich für den eigenen Zustand rechtfertigen zu müssen.
In der Gruppe kann zugleich erfahrbar werden, dass ein Mensch mehr ist als seine Schmerzen. Andere nehmen nicht nur seine Einschränkungen wahr, sondern auch seine Gedanken, Gefühle, Fähigkeiten und seine Bedeutung für die Gemeinschaft.
Psychotherapie ersetzt dabei keine notwendige medizinische Behandlung. Sie ist häufig ein Bestandteil eines umfassenderen Behandlungskonzeptes. Abhängig von Ursache, Ausprägung und bisherigem Verlauf können zusätzlich ärztliche Schmerzbehandlung, Physiotherapie, Bewegungstherapie, medikamentöse Maßnahmen, Rehabilitation oder eine interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie sinnvoll sein. Bei einer multimodalen Behandlung werden körperliche, psychische und soziale Aspekte gemeinsam berücksichtigt.
Ob meine tiefenpsychologisch fundierte Gruppenpsychotherapie für Ihre persönliche Schmerzerkrankung geeignet ist und wie sie sich in Ihre bestehende medizinische Behandlung einfügen kann, klären wir gemeinsam in den vorbereitenden Gesprächen.
Hilfe in akuten psychischen Krisen
Psychische Beschwerden können sich so verstärken, dass rasche und unmittelbare Unterstützung erforderlich ist.
Wenn Sie befürchten, sich selbst oder andere unmittelbar zu gefährden, wählen Sie bitte den Notruf 112. Sie können sich auch direkt an eine psychiatrische Notaufnahme wenden.
In einer akuten seelischen Krise erreichen Sie die Krisendienste Bayern kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 655 3000. Dort erhalten Betroffene, Angehörige und mitbetroffene Personen Beratung und Unterstützung; bei Bedarf kann auch weiterführende ambulante, mobile oder stationäre Hilfe vermittelt werden.
Vertrauliche, anonyme und kostenlose Unterstützung bietet Tag und Nacht auch die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111.
In einer akuten Gefährdungssituation ist unmittelbare Hilfe erforderlich. Eine Nachricht oder die reguläre Kontaktaufnahme mit meiner Praxis ist hierfür nicht ausreichend.
